Nevernight – Die Prüfung (Jay Kristoff)

Ein blutroter Buchschnitt. Ein wahnsinnig gelungenes Cover. Eine unglaublich liebreizende (auf ihre ganz eigene Art und Weise) Protagonistin. Ein sehr humorvoller Erzählstil (mit verdammt lustigen Kommentaren in Fußnoten). Eine spannende Geschichte, wie sie im Buche steht.

Das alles ist Nevernight. Das erste Buch, dessen Gestaltung mir so außerordentlich gefällt, dass es mit dem Cover voran in meinem Regal steht. Egal, was die Verlage (und Autoren) im letzten Drittel des Jahres noch auf den Markt bringen: Dieses Buch ist auf jeden Fall DAS Lese-Highlight des Jahres.

Schon die englische Ausgabe ist auf den Buchblogs und besonders auf Instagram regelrecht durch die Decke gegangen. Da mein Englisch leider nicht ausreicht, um ein so komplexes Buch zu lesen, habe ich die deutsche Übersetzung sehnsüchtig erwartet. Und ich sage dir: Das Warten hat sich verdammt nochmal gelohnt. Vergesst Tolkien oder GRRM, Jay Kristoff ist der neue Stern am Fantasy-Himmel.


Inhalt und Erzählstil

Mia Corvere (zu diesem Zeitpunkt zehn Jahre alt) muss mit ansehen, wie ihr Vater öffentlich hingerichtet wird. Kurz darauf werden ihre Mutter und ihr kleiner Bruder (noch ein Säugling) weggesperrt (glaubt mir, den Stein der Weisen wollt ihr nicht von innen sehen). Die bleiche Tochter schwört sich, grausam Rache an jenen zu nehmen, die ihr ihre Familie genommen haben…

Soweit, so die Ausgangslage. Hat man doch alles schon gesehen, oder etwa nicht? Weit gefehlt. Zugegeben, die Geschichte braucht ungefähr 100 Seiten, bis sie wirklich in Fahrt kommt. Aber spätestens dann ist Nevernight eine Droge, von der man nicht mehr loskommt, wenn man sich erst einmal an den Schreibstil gewöhnt hat. Zwar unterbricht man den Lesefluss, wenn man an den Markierungen für Fußnoten anhält, um die Kommentare zu lesen (die teilweise selbst zwei Seiten lang die Fußzeile ausfüllen). Aber es lohnt sich. Selbst im schlimmsten Gefecht hat der Erzähler in den Fußnoten einen staubtrockenen Humor, der aber sehr gut zur Story passt. Man erfährt auf diese Art sehr viel über die Hintergründe der Welt, der Handlung und der handelnden Figuren, ohne dass es wie übermäßiger Infodump wirkt. Man wird nicht gezwungen, diese Fußnoten zu lesen, aber man verpasst eben doch so Einiges, wenn man die überspringt.

Ansonsten möchte ich hier inhaltlich gar nicht zu sehr ins Detail gehen. Nur so viel: Wenn du dieses Buch liest, werden dich besonders die letzten 150 Seiten überraschen (okay, das hätte jetzt auch eine Huffpost-Überschrift sein können).

Figuren

Wem das noch nicht reicht, dem gebe ich einen weiteren Grund: Herr Freundlich. Die Nicht-Katze ist mit hilfreichen Kommentaren immer zur Stelle und hat immer eine schlagfertige Antwort parat. Und sowieso ernährt sich Herr Freundlich von Angst und Albträumen, was ihn zu einem unverzichtbaren Begleiter für Mia macht. An die, die das Buch schon gelesen haben: Glaubt ihr auch, dass Herr Freundlich der Erzähler ist? Die Identität des Erzählers wird jedenfalls nicht eindeutig aufgeklärt.

Und sowieso ist Mia Corvere eine wunderbare Protagonistin. Wie Herr Freundlich das eine oder andere Mal feststellt: Eine liebreizende Persönlichkeit. Wunderbar zickig und so dickköpfig, wie es nur 16-jährige Mädchen sein können. Dennoch mit so einem Löwenmut, dass man sich ehrfurchtsvoll vor ihr verneigen möchte (was man wahrscheinlich lieber unterlassen sollte, wenn man nicht mit einem grabbeinernen Stilett in der Brust enden will). Sie tritt in die Schatten ein, hinter dir wieder hinaus und schneidet dir vollkommen lautlos die Kehle durch. In den wenigen Momenten, in denen Herr Freundlich nicht bei ihr ist (etwa weil sie ihn Tric die Angst nehmen lässt), wirkt sie seltsam klein und verletzlich, ist aber immer noch eine sehr starke Person. Deshalb kann sie die Frage: Eisen oder Glas? Folgerichtig nur mit Stahl beantworten.

Selbstverständlich gibt es noch einige weitere Figuren in diesem Buch. Mein Tipp an alle Leser: Vielleicht sollte man sich ein bisschen für Ashlinn und Husch interessieren?


Fazit

Ich muss sagen: Meine – exorbitant hohen – Erwartungen an das Buch wurden nochmal übertroffen. Da ist FISCHER Tor ein richtig dicker Fisch ins Netz gegangen. Wie gesagt ist Nevernight nicht nur das schönste Buch in meinem Regal (äußerlich UND inhaltlich), sondern auch mein Highlight des Jahres 2017. Wird schwer da wieder heranzukommen.

Die einzige Tatsache an diesem Buch, die ich mit einem lächelnden und einem weinenden Auge betrachte: Nevernight ist in all den Jahren das erste und einzige Buch, das es geschafft hat, meinen All-Time-Favorit Tintenherz vom Thron als Lieblingsbuch aller Lieblingsbücher zu stoßen. Was fällt euch eigentlich ein? Aber trotzdem vielen Dank dafür.

Das Ende vom Lied: Verdient mindestens 7 von 5 Herzen, aber aus technischen Gründen bleibe ich bei der Höchstwertung. Ein Meisterwerk, das sich selbst hinter den großen Meistern des Genres nicht verstecken muss. Da es sich dieses Mal um ein  wunderschönes Hardcover handelt, kann ich nicht einmal Kritik an der Verarbeitung äußern. Wie unfair.

PS: Eine Sache habe ich dann doch noch: Die Shaiide heißt Aalea, nicht Aalia. An dieser Stelle war das Lektorat ein bisschen nachlässig.

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